Die Ausbildung des Turnusarztes (4/10)

Erfahrungsbericht über die Arbeit im Krankenhaus als junger Arzt in Österreich 2009 - Teil 4 von 10
 
eigentlich heißt dieses Kapitel: „Die nicht vorhandene Ausbildung,
von der alle wissen, dass es sie nicht gibt, welche aber niemand ins Leben ruft"
 

Als Turnusarzt stellt man sich in Österreich in ein System, in dem man keine qualifizierte Ausbildung erhält, sondern auch hierbei ganz auf sich selbst angewiesen ist. Das akzeptieren viele sehr schnell. Dies ist nicht verwunderlich, denn es ist eine menschliche Eigenschaft sich schnell an etwas zu gewöhnen, egal wie gut oder wie wenig es einem gefällt. Hat man denn eine Alternative? Jeder schaut, dass er in einem überlaufenen medizinischen Arbeitsbereich einen passablen Job bekommt und behält. Da ist man schnell zu Kompromissen bereit, die man in Wirklichkeit nicht immer will. Doch auch daran gewöhnt man sich schnell.

Ich will es gar nicht wissen, wie oft man mich hat spüren lassen, dass ich unten in der Hierarchie stehe. Wie oft ich mir Vorwürfe anhören musste, wegen scheinbarer Verfehlungen, entweder wegen Dingen, die mir niemand beigebracht hat und ich deshalb jemanden „Extraarbeit" aufbürdete. Oder einfach nur weil ich jung und unerfahren bin. Ich darf zwar fragen, nur darf die Antwort nicht länger als 2 Minuten dauern. Das nennt man Bedside-teaching in Österreich. Kompetenz gewinnt man so nur sehr sehr langsam. Ich lernte so sehr schnell, wie leicht ein Lernprozess verlangsamt werden kann und daraus lernte ich was es ein gutes Lernklima ausmacht.

Ärztekammervertreter rufen uns Turnusärzte auf, uns zu wehren. Sie sagen uns: Es gibt Gesetze und Unterstützung, nur ihr müsst sie wahrnehmen und ihr müsst was tun! Hier möchte ich ein Beispiel bringen. Dazu muss man wissen, dass die Aufgabenaufteilungen im Krankenhaus sehr schlecht geregelt sind. Jede Berufsgruppe legt die Gesetze anders aus, jeder versucht mit möglichst wenig Arbeit wegzukommen und Pflichten und Verantwortung auf andere Berufsgruppen oder Fachgruppen zu übertragen, da sich alle zu sehr gefordert fühlen.

Zum Beispiel gibt es in den niederösterreichischen Krankenhäusern seit langem einen Konflikt zwischen den Turnusärzten und den Pflegern und Schwestern darüber, wer welche Medikamente austeilt. In Krankenhäusern werden viele Aufgaben, die Ärzte außerhalb der Krankenhäuser oft selber erledigen, an anderes Personal delegiert. Das ist deshalb so, da im Krankenhaus aufgrund der vielen Therapien und Untersuchungen sehr viel an zusätzlicher Arbeit anfällt. Nur, wer soll diese Arbeit machen, die aus enormer Dokumentation, Administration, Ausführung von medizinischen und pflegerischer Maßnahmen besteht? Da es keine zufriedenstellende Lösungen gibt, wird gezankt. Es gibt unglaublich komplizierte Aufgabenaufteilungen, die an eine Gesetzeskasuistik erinnern, sodass bis auf ein paar Insider keiner den vollen Durchblick hat.

Ein konkretes Beispiel: Nach vielen jahrelangen Diskussionen und Konfrontationen, haben sich die Turnusärzte nun gegen die Pflege „durchgesetzt", damit sie nun vermehrt die Infusionen austeilt und mehr vom Papierkrieg übernimmt. Man verzeihe mir diese Formulierungen. Ich urteile nicht, ich berichte. Doch das steht erst auf dem Papier. Es muss noch umgesetzt werden. So komme ich als junger Turnusarzt in ein Krankenhaus und bekomme ein Papier in die Hand gedrückt, auf dem steht, was ich jetzt alles durchsetzen soll, was alles für mich von den älteren Turnusarztkollegen in langen Jahren erkämpft worden ist. Ich besaß noch wenig Ahnung von praktischer Medizin, lernte aber schon viele Ärztegesetze kennen. Ich werde als feig angesehen, wenn ich da nicht mitmische und mich nicht für die Kollegen und mich selbst ins Kreuzfeuer begebe. Gleichzeitig bin ich selbst über die bestehenden Regeln, Unzulänglichkeiten und Streitereien enttäuscht. Ich soll dankbar sein und selbstbewusst gegen Pfleger und auch Oberärzte auftreten, in einem Krankenhaus, wo ich gerade einmal weiß wo die Toiletten sind. Ich bin ja nicht undankbar. Ich kann mir vorstellen was unser Turnusarztvertreter auf sich genommen hat, denn er hat so viele Drohungen bekommen, dass er sich nicht mehr in die ärztliche Morgenbesprechung traut. Er hat sich sichtlich sehr bemüht etwas zu bewegen und sich nicht alles gefallen zu lassen, was den Turnusärzten „vorgesetzt" wird. Dafür hat er auch „seinen Kopf hinhalten müssen". Seine Freundin, die ebenfalls in diesem Krankenhaus arbeitete, musste das Krankenhaus wechseln, da sie das Mobbing nicht aushielt, dass man ihr zu Teil werden lies, weil sie eben mit dem Vertreter der Turnusärzte liiert ist.

Ich habe mich für die Medizin entschieden, weil mich das Wohl anderer berührt und angeht. Doch ich werde von Anfang an gezwungen, mir zuerst meinen Raum freizukämpfen, mich gegen andere durchzusetzen, um überhaupt anfangen zu können, meine Ausbildung fortzusetzen, um dann wirkliche ärztliche Tätigkeiten auszuüben. Gleichzeitig sollte ich schon voll integriert und kompetent arbeiten. Da ich dem allen nicht gerecht werden kann, bekomme ich die oft sehr einfachen und anspruchslosen Tätigkeiten des Medikamentenausteilens und Blutabnehmens bzw. Aufnehmens von Patienten zugewiesen. Etwas anderes ist für uns Turnusärzte aber ohnehin nie vorgesehen gewesen.

Ich schreibe diesen letzten Satz noch einmal: Etwas anderes ist für uns Turnusärzte aber ohnehin nie vorgesehen gewesen.

Wir Turnusärzte erhalten keine Ausbildung, obwohl wir einen Ausbildungsvertrag unterschrieben haben. Das ist nicht seit gestern so, noch ist es auf Niederösterreich beschränkt. Wir bekommen ab und zu einmal eine Fortbildung oder etwas kurz erklärt, wenn einem der höheren Ärzte danach ist. Die einzige Möglichkeit uns weiterzubilden wäre außerhalb der Arbeit auf unsere eigenen Kosten. (Mehr zur fehlenden Ausbildung in meinem älteren Bericht hier.)

Ich verstehe jeden, der meint, das kann ja unmöglich so sein. Ich sag es ehrlich, ich weiß nicht einmal wie unser Defibrillator funktioniert, noch weiß ich wo er steht. Die höheren Ärzte meinen oft, dass es ganz an uns liege, was wir wissen und was nicht. Es sei sogar unsere eigene Holschuld. Wir sollten uns selbst darum kümmern. Ich habe einen dreijährigen Ausbildungsvertrag unterschrieben und dabei geglaubt, dass ich ausgebildet werde. Nun arbeite ich in einem professionellen Setting, ohne ausreichende Qualifikation und Betreuung. Ich warte oft nur, dass die Zeit vergeht und hoffe, dass nicht zu viel Stress auf mich hereinbricht.

Wir Turnusärzte werden von allen bemitleidet. Ich kann es nicht mehr hören. Entweder man ändert grundsätzlich die Ausbildung oder man schafft den Turnusarzt ab. Dann müssten aber andere die Arbeit machen und diese würden selbstbewusster mehr Gehalt, bessere Arbeitszeitregelungen und eine bessere Ausbildung verlangen. Dafür will man keine Ressourcen bereitstellen. So bleibt es bei den alten Prinzipien, auch wenn es den Turnusärzten langsam gelingt auf sich aufmerksam zu machen. Danke euch allen dafür.

Die Turnusarztausbildung soll jetzt durch eine Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin ersetzt werden, bei welchem der Ausbildungszeitraum von 3 auf 6 Jahre verlängert wird. Viele Turnusärzte schmunzeln darüber und sehen die neuen Kollegen statt 3 Jahren nun 6 Jahre zum Blutabnehmen durch die Spitalskorridore laufen. Man kann Probleme nicht lösen, indem man die Probleme anderen überträgt. Aber man kann die Probleme auf diese Art vertagen. Wann immer die Presse, Fernsehen oder Regierungsbeauftragte kommen, gibt es die eindeutige Order von Oben, dass wir zu schweigen haben und kritische Statements nicht gewünscht werden. Ich fühlte mich unterdrückt, gerade weil sich niemand ernsthaft über solche Order beschwerte.

 
 
 

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Teil 5 von 10 - Erfahrungsbericht über die Arbeit im Krankenhaus junger Arzt in Österreich 2009
Im Krankenhaus ist man oft ganz auf sich alleine gestellt, weit entfernt von Teamwork
 
Man kommt als naiver und fertiger Medizinstudent in das Krankenhaus und sieht spätestens dann die Kehrseite, akzeptiert schnell und fügt sich ein.
Was soll man denn sonst mit einem fertigen Medizinstudium tun? (Im Durchschnitt dauert es ca. 6 bis 9 Jahre.) Eine neue Ausbildung beginnen? Was tut man also?
Man toleriert, man findet sich ab und versucht das Beste daraus zu machen. Oder man geht! Ich habe oft gemerkt wie wenig der Einzelne gefördert wird und persönliche Eigenheiten im stressgeplagten Arbeitsumfeld als Problem ausgelegt werden. Dabei sind es nicht unzufälligerweise genau diese individuellen Merkmale, die die Medizin humaner machen könnte. Oft ermutige ich meine Kollegen zu sich zu stehen und nicht bloß ein Rädchen zu sein, das es allen anderen Rädchen recht zu machen versucht. Das ist für mich eine Unzumutbarkeit.
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Teil 3 von 10: Erfahrungsbericht über die Arbeit im Krankenhaus als junger Arzt in Österreich 2009

Der Beruf des Arztes ist ein sogenannter „risiko-geneigter Beruf".
Doch Bakterien und Viren sind die kleineren Risiken.

Anderen Berufsgruppen stehen nach gewissen Arbeitszeiten verpflichtende Pausen zu. Höchstwahrscheinlich gibt es auch für Ärzte ein Gesetz, das die Pausenzeiten regelt, doch ich habe es nie kennen gelernt. Alles, was ich erfuhr, war, dass ich während der Arbeitszeit kein Recht auf Pause habe, außer ich kann mich mit den Kollegen und Mitarbeitern arrangieren. Gibt es zu viel Arbeit oder Antipathie, gehen Pausen verloren.
Ich erinnere mich daran, dass ich einmal vor einem Oberarzt stand, der sich massiv über mich beschwerte, dass ich einmal gesagt habe, nachdem ich erschöpft ins Schwesternzimmer kam: „Ich bin jetzt 12 Stunden durchgelaufen. Ich habe mir jetzt echt 5 Minuten Pause verdient!"
Es wurde in etwa als Arbeitsverweigerung ausgelegt. Konkret hieß es, ich wollte keine Schmerzinfusionen anhängen, sondern – egoistisch – mich ausruhen. Mir fiel keine Antwort ein, aber man hätte mir sowieso nicht zugehört. In einer Hierarchie hat der Obere Recht, wenn er redet und der Untere schweigt und nickt.

Ein Artikel im

Ein Artikel im "Consilium" über die Zustände in den Krankenhäusern 2009

Hier als Download des Originalzeitungsauschnittes vom "Consilium" im Mai 2009, wo ich als anonymer Autor von den Zuständen berichte. Mit einem Kommentar des Turnusärztevertreters Dr. Stefan Halper. Viele KollegeInnen waren damals sehr dankbar, dass jemand ihre Gefühle ausdrückt. Natürlich nur inoffiziell.

Das Wunder des Hinschauens – eine wahre Geschichte über einen Beipackzettel

Das Wunder des Hinschauens – eine wahre Geschichte über einen Beipackzettel

Eines Tages ging ich in eine Apotheke um eine medizinische, antibiotische Seife zu kaufen. Die ältere Apothekerin war sehr freundlich und zeigte mit gleich ein neues Produkt, mit einem klingenden Namen, das zu der Zeit sehr beliebt war. Ich bat die Apothekerin mir zu sagen, welche antibiotisch wirksame Substanz in der Seife ist. Sie schaute die Packung an, dann öffnete sie sie und studierte den Beipackzettel. Sie bot mir dann mehrere Inhaltsstoffe der Seife an, die angeführt waren. Ich fand aber, dass nichts davon eine antibiotische Wirkung haben konnte. Die Apothekerin wurde etwas verlegen: Da stand eine erfahrene Apothekerin mit einem Arzneimittel vor einem jungen Arzt, der ihr sagte, dass ihr Medikament kein Arzneimittel enthielt. Ich wollte eigentlich die Sache auf sich beruhen lassen. Doch sie bat mich um meine Kontaktdaten und meinte, sie werde der Sache nachgehen.
Was heilt wirklich?

Was heilt wirklich?

Ich habe als Arzt gearbeitet, als Alternativmediziner und als spiritueller Lehrer.

Das einzige, was ich gesehen habe, was wirklich hilft um zu heilen, ist es, wenn Menschen seelisch wachsen:

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