Mittwoch, 10 Juli 2019

Der Hausarzt - eine Definition des Undefinierbaren?

Da zuletzt ein Artikel in einer Zeitung stand, dass Hausärzte eh nur Überweisungen schreiben und sich selbst damit unnötig machen, möchte ich mich an eine Definition des Hausarztes heranwagen.


Es ist eben das alte Problem, dass viele nicht wirklich wissen, was das Aufgabengebiet eines Hausarztes eigentlich ist. Bei einem Facharzt ist es klarer: Genau diese Organe. Beim Hausarzt ist das eben anders, viel vielfältiger. Da es keine genaue Definition gibt, verleitet es dazu zu glauben, dass es auch kein wirkliches Aufgabengebiet gibt, außer Zettelschreiben eben. Es ist aber nicht ganz so. Hier mein Beitrag dazu:

 

Der Hausarzt – eine Definition des Undefinierbaren?


1. Wir schreiben, wir drucken Tonnen von Papier, zumeist auf Wunsch anderer. Oft ärgern wir uns darüber.
2. Wir erklären den Patienten das Gesundheitssystem. Das tun wir, weil die Patienten mit all ihren sozialen, medizinischen und pflegerischen Anliegen zu uns kommen. Oft sind wir SozialarbeiterInnen. Mit Erfolg.
3. Wir sind Pioniere. Wenn etwas Neues umgesetzt werden soll, sind wir oft diejenigen, die von Anfang an dabei sein „dürfen“.
4. Wir erklären den Patienten, was Gesundheit ist und betreiben Vorbeugung, denn wir sind die Ärztegruppe, die vor allem Vorsorgeuntersuchungen macht, die impft und den Patienten oft tausend Mal daran erinnert, dass es Zeit wird, gesünder zu leben.
5. Wir impfen Kinder und Erwachsene. Wer impft denn noch Erwachsene? Wer kennt denn überhaupt den österreichischen Impfplan für Erwachsene?
6. Wir betreuen oft Randgruppen und machen dafür etliche Zusatzausbildungen, z.B. für Drogenkranke. Ich habe eine Psychosomatikausbildung. Hat sich ausgezahlt, denn es gibt im Umkreis meiner Ordination fast keine psychosomatische Therapie auf Kasse. Das machen wir so oft: Lücken füllen.
7. Wir behandeln Kinder. Oft gebraucht wo Kinderärzte fehlen, überlaufen sind oder es sie nur privat gibt.
8. Genauer gesagt, behandeln wir alle oder wir zeichnen einen Weg.
9. Wir sind Archive: Wir sammeln, scannen, kopieren Befunde. Wir sind, wir waren die analoge ELGA. Kaum jemand hat so viele Befunde von Patienten wie wir.
10. Wir sind oft der Ort, wo alle Fäden zusammenlaufen. Deswegen schanzt man uns gerne etwas zu. Wenn man nicht weiß, wer die Arbeit erledigen soll, dann schickt man gerne zum Hausarzt. Nicht immer zu unserer Freude.
11. Wir schauen aufs Geld, denn wir versuchen oft mit einfachen, billigen und effizienten Mitteln zu arbeiten. Wir reden mit den Patienten und arbeiten nicht nur die Untersuchungen ab, die notwendig sind. Wir versuchen das Beste für den Patienten aus dem Kassensystem, mit seinen vielen Limitierungen, herauszuschlagen. Wir helfen aber auch dem Gesundheitssystem Geld zu sparen, indem wir vieles abfangen oder umleiten.
12. Wir sind eine Art vorgelagerte Einheit der Krankenkassen: Wir schreiben krank und diskutieren mit den Kontrollärzten. Übrigens dürfen auch andere Ärzte als wir krankschreiben. Nur das will irgendwie keine andere Arztgruppe machen.
13. Wir bremsen zwar den Zustrom zu Fachärzten und Spitälern, leisten Vorarbeit und lenken. Dennoch sind „Gatekeeper, PHC und Primärversorgung“  keine treffenden "modernen" Ausdrücke für den Hausarzt.  Wir bewachen keine Tore, sind nicht nur primäre oder Erstversorger. Das ist nicht nur eine Vereinfachung, sondern eine starke Reduzierung unserer Tätigkeit, wie ich es hier ausfühlich ausführe.
14. Oft brauchen Patienten nur eine Zeitlang Fachärzte oder Ambulanzen. Dann übernehmen wir wieder zur Gänze. Und: Wenn wir dieselbe Leistung wie Fachärzte, Ambulanzen und Spitäler leisten, sind wir im Vergleich billiger.
15. Wir entlasten Spitäler, wir machen OP-Vorberereitungen und OP-Freigaben. Seit ein paar Tagen bekommen wir dafür auch Geld. Bislang war das übrigens ehrenamtlich. Wir überlegen genau, wenn wir in welches Spital, in welche Ambulanz schicken. Zumeist entlasten wir aber die Spitäler aus Gründen, an die niemand denkt. Z.B.: viele alte Menschen kommen zu uns, weil sie nicht ins Spital wollen und wir suchen nach Wegen, das zu ermöglichen.
16. Wir organisieren Pflege: Ob Heimhilfe, 24-Stunden-Pflege, Kurzzeitpflege, Pflegeanträge, Krankenbetten usw.: Wir kümmern uns um die Pflege zu Hause und wir gehen auch zu den Menschen nach Hause, um uns anzusehen, ob es funktioniert.
17. Ein Großteil der Arztbriefe, die wir schreiben, sind für Behörden, Versicherungen, Arbeitgeber, um Menschen, in der Arbeit, im Leben und in guter Pflege zu halten.
18. So viele Patienten, die nach vielen Arztbesuchen noch keine Diagnose für ihre Beschwerden bekommen haben oder austherapiert sind, landen wieder bei uns. Wir fangen sie wieder auf und setzen sie oft auf eine neue Diagnostik- oder Therapieschiene. Wir haben den Vorteil, dass wir nicht nur in einer einzelnen speziellen medizinischen Disziplin ausgebildet sind. Das ist der Vorteil des „Nicht-Spezialisten“, also des Generalisten.
19. Wir sind Generalisten, in einer Welt der Spezialisten. Wir sind oft die Schaltstelle, der „Missing Link“ zwischen den vielen Fächern der Medizin, der Bürokratie des Gesundheitssystems, zwischen den Krankenkassen und Versicherungen, zwischen den sozialen Institutionen, den Therapeuten, Gutachtern, Behörden und dem oft ahnungslosen und leider oft hilflosen Patienten mittendrin, auf den gerne vergessen wird. So oft stehen wir in der Mitte und lotsen unsere Patienten und motivieren sie weiterzumachen.
20. Wir sind ehrenamtliche, autodidaktische Psychotherapeuten aus Not und ohne Diplom. Denn viele Patienten würden nicht zu einem Therapeuten oder Psychiater gehen. Sie gehen nur oder am liebsten nur zu uns. Doch oft gelingt es uns, nach viel Vorarbeit, die Patienten zu Therapien zu bringen.
21. Wir gehen zu den Patienten nach Hause. Das machen natürlich auch andere, aber wir am allermeisten, oft kommen wir noch am selben Tag, wenn Patienten uns rufen: Nicht ein unbekanntes Gesicht, sondern eine Ärztin oder ein Arzt, die die Patienten kennen. Das schafft Vertrauen.
22. Wir sind im Grunde die Anlaufstelle für alles, wenn Menschen nicht wissen wohin: Dann zu uns. Es gibt Tage, da empfinde ich mich weniger als Arzt, sondern mehr als Sozialarbeiter, Ernährungsberater, Eheberater, Behördenberater, Drogenberater, Unternehmensberater, juristischer Berater, Patientenanwalt, Informatiker, Bürohengst, Zettelschreiber, Callcenteragent, Botendienst, Scherbenaufräumer, Ombudsman, Versuchskaninchen, Hundeflüsterer (bei Hausbesuchen), Psychotherapeut, Sexualpädagoge, Mediator, Sportcoach, Prediger, Beichtvater, Trauerbegleiter, Prophet, Weltenerklärer, Handaufleger, Tröster und oft nur einer, wenn gerade keiner da ist. Doch dann weiß ich es wieder: Genau das ist auch der Hausarzt.
23. Eine dieser „Zusatzfunktionen“ des Hausarztes möchte ich herauspicken: den Trauerbegleiter. Es ist für mich schnell etwas Selbstverständliches geworden, dass so viele Patienten zu mir kommen, wenn sie trauern. Ich frage mich manchmal, ob es daran liegt, dass die Religionen diese Funktion immer weniger ausfüllen und/oder ob es zu wenige Trauerbegleiter gibt, die für die Menschen als Kassenleistung sofort zur Verfügung stehen.
24. Natürlich sind wir „richtige“ Ärzte. Wir diagnostizieren, verschreiben unzählige Medikamente neu, beginnen Therapien, führen sie oft ein lebenlang fort, ohne dass es noch andere Ärzte braucht und wir beenden sie auch wieder. Wir kontrollieren, adaptieren Therapien, denn sehr oft wird eine Therapie begonnen und die Kontrollen verlaufen sich. Doch da ist jemand, der sie wieder aufgreift: „Frau Maier, wann war eigentlich ihre letzte Knochendichtemessung?“
25. Vieles was es an ärztlichen Basisleistungen gibt, können wir und tun wir: Wir geben Spritzen, Infusionen, Infiltrationen. Wir nehmen Blut ab, sammeln Stuhl- und Harnproben ein usw. und sparen Wege in größere Einrichtungen.
26. Wir stehen schnell zur Verfügung. Mag es sein, dass es Tage gibt, wo man zwei Stunden und mehr im Wartezimmer warten muss. Im Spital sind es viele Stunden mehr, für einen Facharzttermin wartet man oft Monate. Und eine erste Einschätzung der Art, der Schwere, der Umfang und der Therapie, bekommen sie bei uns immer. Manchmal ist es nur eine Überweisung, aber diese legt die Schiene für alles weitere.

Aber all das waren Aufgaben, die zumeist nebenbei laufen und nicht das Wesentliche ausmachen.


Was ist denn das Wesentliche der Arbeit des Hausarztes?


Wir sind zumeist die Vertrauens- und Familienärzte. Wir sind oft die, die die Patienten am besten kennen. Warum? Ganz einfach, weil wir sie am öftesten sehen. Wir arbeiten in der Nähe der Wohnungen, Heime und Häuser, wo die Menschen leben. Wir haben die Menschen in vielen Lebenslagen erlebt und ihnen geholfen, deshalb fühlen sich viele PatientInnen uns nahe. Selten, dass wir eine schwere Krise oder Krankheit nicht mitbekommen. Viele kommen genau deshalb zu uns, nämlich, um wichtige Entscheidungen in ihrem Leben mit uns zu besprechen. Nicht nur gesundheitliche, aber natürlich vor allem solche: „Frau Doktor, Sie sind meine Hausärztin … natürlich will der Onkologe, dass ich die Chemo mache, aber hat das noch einen Sinn für mich?“


Und fast alles davon „auf Kasse“.


Natürlich gibt es auch schwarze Schafe unter den Hausärzten. Natürlich gibt es genug Hausärzte, die vieles nicht machen, was sie tun sollten. Aber die gibt es überall, in allen Berufsgruppen. Die sollte man nicht als Maßstab für die Tätigkeit eines Hausarztes nehmen. Wenn es heißt, dass wir nur Überweisungen und Rezepte schreiben, dann ist das wohl eher ein Vorurteil, das man besser überprüfen sollte, als es weiter zu verbreiten.
Man könnte stattdessen echt einmal versuchen, den Beruf Hausarzt genauer zu definieren. Es ist tatsächlich gar nicht so einfach und wahrscheinlich genau deshalb ist dieser Beruf bislang immer noch unverzichtbar.

Ordinationszeiten

Montag 11.00 - 15.00
Dienstag 10.00 - 14:00
Mittwoch 15.00 - 19.00
Donnerstag 11.00 - 15.00
Freitag 10.00 - 14.00

Alle Kassen und privat
Termine nach Vereinbarung

Kontakt

Tel.: 01/774 62 44
Fax: 01/77 462 44 DW 20
E-Mail: ordination@kallay.at
Web: www.kallay.at
Adresse: Gartenheimstraße 15,
1220 Wien